Von der Kleinkinderschule zum Katholischen Kindergarten

 Pfarrer Kuntz'sche Stiftung

Verfasser: Dr. Helmut Streicher, 8/2001

„Rührend war das Lebewohl, das ein Kind dem Stifter der Kleinkinderschule ins Grab hinein rief“, war am 9. September 1931 im „Rheinpfälzer“ im Nachruf auf „Herrn Geistlichen Rat Kuntz letzte Fahrt“ zu lesen. Der aus Kapsweyer stammende 1856 geborene Pfarrer (sein Elternhaus war das alte Gebäude des heutigen Anwesens Junker in der Hauptstraße - damals Ökonomierat Jakob Kuntz) war dem Ort zeitlebens verbunden und verbrachte hier seinen Lebensabend. Pfarrer Bienfang schrieb, „die Pfarrei Kapsweyer insbesondere betrauert in dem Heimgegangenen ihren großen Wohltäter; hat er doch sein Wohnhaus als „König Ludwig - Maria Theresia - Stiftung“ für alle Zeiten der Pfarrei vermacht und durch eine namhafte Zustiftung von 5.000 Mark für ihren Unterhalt gesorgt, um darin eine Schwesternstation zu errichten und für die Jugendpflege sowie alle sozialen und charitativen und Vereinszwecke der Pfarrei ein Heim zu schaffen“. Sein Grab auf den hiesigen Friedhof wurde im letzten Jahrzehnt mit einem älteren Gräberfeld vom Friedhofsträger beseitigt.

Beseitigter Grabstein des Stifters auf dem Kapsweyerer Friedhof
Geistlicher Rat Andreas Kuntz

Geblieben ist die rechtsfähige „Pfarrer Kuntz’sche Stiftung“ als Eigentümerin des hiesigen Kindergartens (seit ca. 1974 in Trägerschaft der Pfarrei) und sein Primizkelch, den er der Pfarrei vermachte und der heute noch regelmäßig zum Austeilen der Kommunion dient (er zeigt die Namenspatrone der engsten Verwandten des Stifters – Apostel Andreas, der Hl. Jakobus für seinen Vater, der Hl. Katharina für seine Mutter bzw. eine seiner Schwestern und die Selige Elisabeth für eine weitere Schwester, die ihm den Haushalt führte).

Primizkelch
Kelchfuß

Bereits von 1866 bis 1879 gab es in Kapsweyer ein kirchliches Schwesternhaus auf Fl.Nr. 253 mit einer Schulschwester, welche die obere Mädchenklasse zu unterrichten hatte. Aber erst das von Pfarrer Kuntz 1920 erworbene Anwesen in Kapsweyer, Hauptstr. Nr. 73 (im Ort noch immer Schwesterhaus genannt, vormals Brauerei) brachte sicher eine Kleinkinderschule nach Kapsweyer. Am 17. September 1918 hatte Pfarrer Kuntz an seiner Pfarrstelle Deidesheim die Stiftung „für ewige Zeiten“ errichtet und zum Erwerb des Schwesternhauses für 30.000 Mark die Stiftung mit 50.000 Mark ausgestattet. Die Armen Schulschwestern vom hl. Dominikus in Speyer sollten hier u.a. eine „Kinderbewahrschule mit Kinderhort“ betreiben unter Verwaltung eines Vinzentiusvereins, den der Stifter am 28.12.1917 ins Leben rief.

Neben Vermächtnissen an die katholische Kirchenstiftung nach Ableben des Stifters Andreas Kuntz und seiner Schwester und vormaligen Haushälterin Katharina Kuntz sowie seiner vorverstorbenen ledigen Schwester Elisabetha Kuntz, die gleichfalls seinen Haushalt mitführte, ist zu erwähnen, dass heute in Kapsweyer der damals zu seinem Nachlaß zählende sogenannte Kreuzacker, ein Acker mit der Kreuzigungsgruppe zählte. Heute zu dem Grundstück Haupstraße 84 gehörend ist die großteils noch erhaltene Kreuzigungsgruppe durch eine Hecke zur  Straßenseite hin etwas verdeckt.

In der schweren Zeit der Naziherrschaft bildete das Stiftungsgebäude ein Zentrum für Aktivitäten der äußerst regimekritischen und aktiven Pfarrer Bienfang und Pfanger. Hier wurde zum Beispiel von den Nazis der Fußball der Jugend beschlagnahmt, nachdem Pfarrer Bienfang sehr zum Missfallen der Herrschenden noch nach der Machtergreifung 1933 in Kapsweyer die katholische Zentrumspartei gegründet hatte. Schließlich wurde er selbst als gewähltes Kreistagmitglied rechtswidrig aus diesem ausgeschlossen. Nach seinem Tod setzte sein Nachfolger Pfanger mit vielfältiger Unterstützung der großen Mehrheit der Kapsweyerer Bürger den zivilen Ungehorsam im Kruzifixstreit an der Schule und bei der Abstimmung über Konfessionsschulen fort. Ein Bericht des Leiters der Grenz- und Auslandsstelle vom März 1937 führt aus: "Dagegen hat Kapsweyer, wo der Pfarrer Tag für Tag hetzte, fast geschlossen Nein (Verfasser: gegen die Abschaffung der Konfessionsschulen) gestimmt und die Glocken bei der Abstimmung geläutet." Alles half wenig, der 2. Weltkrieg hatte fürchterliche Folgen für den Ort. Bei 88 %-iger Zerstörung war auch die Kirche ausgebrannt und konnte erst 1951 durch Bischof Dr. Wendel wieder eingeweiht werden. Zwischenzeitig war von 1945 bis 1951 das Haus der "Pfarrer Kuntz'schen Stiftung", das nur verhältnismäßig geringe Kriegsschäden auswies, auch Notkirche und Pfarrhaus.

Doch die Jahre hatten an der Bausubstanz gezehrt, so daß Ende der 50-iger dringende Instandsetzungen anstanden für die die notwendigen Mittel fehlten. Hinzu kam der Mangel an Schulschwestern, so daß diese den Ort durch Abberufung verlassen mussten. Damit stand das Schwesternhaus zuerst leer um dann vermietet zu werden. Unter Pfarrer Günther wurde 1965 schließlich das Anwesen verkauft. Das Bischöfliche Ordinariat hatte laut Stifterwillen für die zweckgebundene Verwendung Sorge zu tragen, so daß 1968 der heutige Kindergarten aus diesen Mitteln mit staatlichen Zuschüssen auf einem von der Gemeinde überlassenen Grundstück in der Raiffeisenstraße errichtet wurde. So kann Kapsweyer nach knapp einem Jahrzehnt Pause wieder einen zweigruppigen Kindergarten sein eigen nennen, in dem jedes Kind ab 3 Jahren Aufnahme fand, lange bevor die Politik Kindergartenplätze für alle Kinder ab 4 Jahren realisieren wollte.


Kapsweyer zur Zeit des 1. Weltkrieges; links das spätere Schwesternhaus, rechts das Elternhaus von Pfarrer Kuntz, in dem er wahrscheinlich auch geboren wurde.

Sicher kann der Ort dank der Stiftung auch auf einen der ersten Kindergärten zu Beginn des 20. Jahrhunderts verweisen, zu einer Zeit da diese Einrichtung auf dem Lande noch wegweisend war. Neben dem Kindergarten ermöglichte die Stiftung über Jahrzehnte bis zum Weggang der Schwestern vielfältige soziale Tätigkeiten im Schwesternhaus und aus dem Schwesternhaus heraus. Zu nennen sind hierzu Kinder- und Jugendgruppen, Näh- und Kochkurse, Erwachsenenbildung und Krankenpflege.

Mit den Jahren ging der Namen der Stiftung im offiziellen Sprachgebrauch unter und nur noch i.w. wenige Ältere aus Kapsweyer erinnern sich an die "Pfarrer Kuntz'sche Stiftung". Trotz eigener Rechtsfähigkeit als eingetragene Stiftung wurden die juristischen Vorgaben allzu oft vernachlässigt, sodaß der Kindergarten zuletzt nach dem Ersatzträger für den nicht mehr existierenden Vinzeniusverein als Kindergarten St. Ulrich der Kirchenstiftung angesehen wird. Doch auch wenn, wie schon bei Gründung bis 1930, zum Ende des zweiten Weltkrieges und bei Weggang der Schwestern, der Stiftungsrat nach dem Bau des Kindergartens vom laut Satzung zur Berufung bestimmten örtlichen Pfarrer Mangels dringendem Bedarf nicht mehr bestellt wurde und das zur Genehmigung berufene bischöfliche Ordinariat dies deshalb auch nicht Beanstandete, so ist die Stiftung doch unwiderruflich existent und im Grundbuch und Stiftungsregister eingetragen. Deshalb muss sie auch bei notariellen Grundstücksangelegenheiten u.ä. wieder auftreten. Dies dürfte durchaus im Sinne des Stifters sein. Schließlich wählte er die Form der rechtsfähigen Stiftung um zu gewährleisten, dass das Stiftungsvermögen nicht zweckentfremdet und ohne bleibenden Wert verbraucht wird z.B. auch für kirchliche Zwecke ohne sozialen Vorteil für die Bewohner seiner Heimatgemeinde. Wie recht er hatte, zeigt der Umstand, dass zwar das Schwesternhaus verkauft wurde, doch auf Grund der Stiftung das Geld nicht in den damals wie heute bedürftigen Kirchenhaushalt wandern konnte, sondern für einen sozialen Zweck im Sinne der Stiftung verwendet werden musste. So kam Kapsweyer wieder zu einem Kindergarten, den ansonsten damals weder Gemeinde (trotz mehrer Anläufe im Gemeinderat) noch Kirche in Angriff genommen hätten.


Heutiger Kindergarten nach der Dachsanierung 1990

Heute ist der Kindergarten Haus der Stiftung und lässt weitere Aktivitäten kaum zu. Hinzu kommt, dass heute die sozialen Rahmenbedingungen erheblich besser sind, so dass vom Stifter gewünschte Aktivitäten i.w. von staatlichen Stellen erfüllt werden. So ist die Gebäudebereitstellung für den Kindergarten in Trägerschaft der katholischen Pfarrei derzeit die einzige Aktivität. Das 1967 erbaute Gebäude wurde hierzu 1990 saniert und das Flachdach erstetzt. 

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