Stellungnahme zu einer schwierigen Unterscheidung
von Pfr. Josef Metzinger
Priester: ausgebildet zum Seelsorger, nicht zum Therapeut
Wenn ich mich mit Menschen unterhalte, merke ich hin und wieder, dass über bestimmte Bereiche in der Seelsorge Fragen offen stehen und Unklarheiten herrschen. Letztens ging mir auf, dass hinsichtlich der Frage, was ein seelsorgliches Gespräch leisten kann oder darf, sehr unterschiedliche Erwartungen und Auffassungen herrschen. Da das sicher einige interessiert, hier ein paar Gedanken dazu:
In unserer Ausbildung hören wir an der Universität auch pastoralpsychologische Vorlesungen. Diese vermitteln uns Grundkenntnisse für die seelsorglichen Gespräche mit Menschen. Was allerdings auf keinen Fall vermittelt wird, weil dies eine fachspezifische Ausbildung darstellt, ist die Fähigkeit Therapiearbeit zu leisten.
Wir sollen in unserem Beruf, wenn Menschen auf uns zukommen, möglichst erkennen können, ob jemand Sorgen oder Probleme hat, die im Rahmen des alltäglichen Lebens uns immer wieder begegnen und auch Aussicht auf positive Veränderung der Situation in Eigenleistung bieten, oder ob die Situation des Menschen, der uns begegnet, der professionellen Hilfe eines Therapeuten / einer Therapeutin bedarf.
Unterscheidung in der Praxis oft schwierig
Das ist manchmal für uns Seelsorger eine ganz heikle Situation. Zum einen wissen wir zu schätzen, dass sich ein Mensch uns anvertraut, zum anderen wissen wir, dass wir nicht dazu berechtigt und auch nicht kompetent sind, einen Menschen zu therapieren.
Zuzuhören, einen Rat geben, mit einem Menschen eine Situation durchdenken, die alltäglich sein kann, wie z.B. mal einen Ärger mit einem Bekannten haben, der sich wieder lichten wird, oder ähnliches, dafür sind wir gerne da und das ist auch unsere Aufgabe.
Erkennen wir jedoch, dass jemand professionelle Hilfe benötigt, sind wir verpflichtet, diesen Menschen darauf hinzuweisen, dass er sich professionelle Hilfe eines / einer Therapeuten / Therapeutin nehmen soll. Selbstverständlich bleiben wir gerne Gesprächspartner zum Zuhören und für den Zuspruch des Beistandes Gottes und seiner Liebe.
Therapieren aber dürfen und können wir nicht. Das ist aber für viele Menschen, so erfährt man es auch oft, ein Problem. Es wird sehr häufig damit reagiert, dass geäußert wird: „Ich bin doch nicht verrückt!“ oder „Auf einmal geht's mir gut – ich habe gar keine Probleme mehr!“ oder ähnliche Reaktionen, welche zeigen, dass die Empfehlung zur Therapie umgangssprachlich als „Empfehlung zur Anstalt“ verstanden wird.
Dem ist keinesfalls so. Allerdings muss damit auch sehr vorsichtig umgegangen werden. Wenn ich manchmal höre, dass Menschen leichtfertig zueinander sagen „Du bist ein Fall für den Therapeuten!“ oder „Du bist ein Fall für den Psychiater!“ [was zudem noch nicht mal das Selbe ist], dann ist das mehr als heikel. Wir haben in der Pastoralpsychologie erfahren, dass solche Entschlüsse fundiert und begründet sein müssen und auch die fachlichen Grundkenntnisse fordern. Nur weil jemand anders, auffällig, schwierig oder nicht konform ist, darf das noch niemandem empfohlen werden.
Empfehlung zur Therapie: notwendig und oft missverstanden
Denn die Reaktion des Menschen, dem dies entgegnet wird, stellt das nächste Problem dar. Eben deswegen, weil man ihm dies rät, kann es sein, dass dieser Mensch mit heftigen Reaktionen aufwartet und dem, der ihm dies durchaus wohlwollend empfiehlt, feindlich gegenüberzustehen beginnt – und ihn als Feindbild definiert. Manche verzeihen einem diese Empfehlung nie, sondern greifen einem dann [unabhängig ob sie die Therapie in Anspruch nehmen oder nicht] massiv und sehr ausdauernd an. Diese Erfahrung habe ich hin und wieder in den letzten Jahren gemacht. Unser Pastoralpsychologe hat uns in seiner letzten Vorlesung mit auf den Weg gegeben: „Sie sind schnell verurteilt und stets mit einem Fuß im Gefängnis, wenn Sie den Menschen Zeit und Aufmerksamkeit schenken und ihnen Aufrichtig Beistand und Hilfe bieten möchten!“ Eine heikle Aufgabe also.
Es gibt aber auch die Erfahrung, dass Menschen die Empfehlung annehmen, die Therapie erfolgreich ist und sie später sehr froh darüber sind, dass man ihnen diese Empfehlung ausgesprochen hat.
Verpflichtung zur Distanz
Ist jemand therapiefähig, nimmt aber die Möglichkeit zur Therapie nicht an, so sind wir verpflichtet, die Gespräche, die dieser Mensch dann sucht, nicht zum Therapiegespräch werden zu lassen. Unter Umständen müssen wir sogar in Erwägung ziehen, Distanz zu wahren und die Gespräche auf ein Mini-mum zu reduzieren oder ganz einzustellen.
Auch das ist für uns sehr schwer zu entscheiden, weil, wie ich immer wieder auch erlebe, die Erwartungen an seelsorgliche Gespräche mit einem Seelsorger, sehr hoch sind, was Erfolg und Lösung der Probleme darstellt.
Diese Erwartungen gehen mit der Vorstellung konform, ein Seelsorger könne die Probleme eines Menschen lösen. Das ist nie der Fall. Nur der Mensch selber kann seine Probleme lösen – was für etliche Menschen so schwer sein kann, dass sie lieber das Problem, das sie beklagen, beibehalten – anstatt im Leben etwas zu ändern, weil die Veränderung wesentlich mehr Kraft-aufwand fordert, als der Leidensdruck verlangt. Sie neigen dann dazu, die Wirklichkeit so wahrzunehmen und so in ihrer Wahrnehmung zu verändern, dass sie für ihre Situation stimmig ist und das Problem als solches nicht mehr wiedergegeben wird, auch wenn es nach wie vor beklagt wird, die Handlungsentscheidungen mitbestimmt – und die Realität ganz und gar eine andere sein kann, als sie tatsächlich von den Betroffenen dargestellt wird.
Bereitschaft zum seelsorglichen Gespräch
Ab 1. September stehe ich wieder für seelsorgliche Gespräche zur Verfügung und schenke Ihnen gerne Zeit und Aufmerksamkeit. Wichtig dabei wird mir sein, dass klarer ist, dass diese Gespräche kein Ersatz für eine Therapie sind, sollte solche sich für nützlich oder notwendig erweisen. Begleiten aus seelsorglicher und spiritueller Sicht werde ich Sie dann jedoch wieder sehr gerne.
Mit lieben und herzlichen Grüßen und der Hoffnung, dass es Ihnen allen gut geht, wünsche ich Ihnen alles alles Gute und Gottes Segen,
Ihr Josef Metzinger