Niemand ist ohne Gott

"Schließlich, lieber Herr Lernet, rufen Sie mich in wahrhaft brüderlicher Weise auf, doch zum Glauben hinzufinden, der für Sie das Gute ist, und zu Gott.

Glaube, ich meine religiöser Glaube, ist aber, wie Sie wissen, ein Geschenk, man kann ihn nicht beziehen: und sich an ihn herankämpfen kann doch auch nur der, der das innere Bedürfnis danach hat.

Ist nun aber ein Mensch, der dieses Bedürfnis nicht hat, völlig wertlos, abgehängt und rechnet unter die Versager?

Ein Jesuitenpater, der die Freundlichkeit hatte, mir zu schreiben, sagte: 'ein Mensch, der Gott so unabhängig und so in der Ferne sieht wie Sie, ist mir lieber als einer, der sich immer so nahe auf ihn bezieht und alles mögliche von ihm erwartet.'

Ich füge hinzu: Niemand ist ohne Gott, das ist menschenunmöglich, nur Narren halten sich für autochthon (aus sich selbst entstanden) und selbstbestimmend. Jeder andere weiß, wir sind geschaffen, allerdings alles andere liegt völlig im Dunkeln"

(Gottfried Benn, Dichter und Arzt; 1886-1956)

***********************

Sagt der eine: "Eins kannst du mir glauben: Ein Ungläubiger ist oft weniger ungläubig, als der denkt."
Sagt der andere: "Aber in Dingsda wohnt ein Gottesleugner, der kauft alte Bibeln auf und benutzt die Seiten, um sich daraus seine Zigaretten zu drehen; damit kommt er billiger weg, sagt er, als wenn er originales Zigarettenpapier kauft. So einer, das ist doch ziemlich hoffnungslos ..."
Sagt der eine: "Nein, nein, nicht verzweifeln und immer weiter hoffen und beten. Gerade um solch einen Mann musst du dich kümmern. Sieh dir die Sonnenseite seiner Geschichte an: Er verachtet die Heilige Schrift ja gar nicht! Heute oder morgen dreht er sich eine, und wenn er gerade das Zigarettenpapier mit etwas Spucke zuklebt, fällt sein Auge auf die Bibelstelle: 'Gehet ein durch die enge Pforte!' "
Fragt der andere: "Ob das hilft?"
Antwortet der eine: "Und ob! Aber soweit braucht es gar nicht zu kommen, wir werden ihn schon jetzt tüchtig in die Mangel nehmen. Er hat den Ehrenplatz oben auf der Liste der 'Ungläubigen'. Und wir werden uns um alle diese 'Ungläubigen' kümmern, indem wir sie einzeln persönlich besuchen."

(Frei nach dem Roman von Maarten' t Hart: Das Wüten der ganzen Welt)